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Trainingstheorie: die Grundregeln des Shapings

Hallo liebe Clicker-Freunde,

hoffentlich habt ihr Weihnachten und Silvester gut verbracht. Hier ist ein Vorschlag für einen tollen Neujahrsvorsatz: Nehmt euch vor, euch dieses Jahr mehr um eure Katzen zu kümmern und sie geistig und körperlich zu fordern und zu fördern!

Um euch dabei behilflich zu sein, wollen wir in diesem Artikel die grundlegenden Regeln des Shapings einmal gesammelt vorstellen. Die meisten dieser Regeln sind hier in diesem Blog schon an der einen oder anderen Stelle, zumindest zwischen den Zeilen vorgekommen, aber wir finden, es ist sinnvoll, sie an dieser Stelle noch einmal als übersichtliche Referenz zu präsentieren. Wie schon der Inhalt dieses früheren Artikels, stammen die hier beschriebenen Regeln aus dem Pryor-Buch „Positiv bestärken – sanft erziehen: Die verblüffende Methode, nicht nur für Hunde“ (Originaltitel: „Don’t Shoot the Dog! The New Art of Teaching and Training“). Mehr Details zu diesen Regeln findet ihr also dort. Im Original sind es übrigens 10 Regeln – eine (immer zuerst auf variable Bestärkung umstellen, bevor man den nächsten Schritt trainiert) haben wir euch unterschlagen, da wir in diesem Blog überhaupt noch nie über variable Bestärkung geschrieben haben.

Shaping-Regeln nach Pryor

  1. Erhöht die Anforderungen nur in kleinen Schritten  – Bekanntlich trainieren wir beim Shaping neue Verhaltensweisen, indem wir uns dem gewünschten Verhalten in kleinen Schritten annähern. Wenn wir zum Beispiel das Gehen auf eine Decke trainieren, belohnen wir erst einmal einen Blick auf die Decke, dann Bewegungen zur Decke hin und schliesslich das Betreten der Decke. Wichtig hierbei ist, dass wir, wann immer wir die Anforderungen an die Katze erhöhen, nur so viel mehr fordern, dass die Katze immer eine realistische Chance auf Erfolg hat. Im Zweifelsfall empfehlen wir, lieber in zwei kleinen als in einem grossen Schritt zu trainieren.
  2. Trainiert nur ein Kriterium auf einmal – Um beim Training ganz klare Signale an die Katze zu senden, ist es wichtig, immer nur ein Kriterium gleichzeitig zu trainieren. Wenn wir zum Beispiel ein Männchen trainieren, versuchen wir niemals gleichzeitig ein höheres und ein längeres Männchen zu shapen. Das Problem beim Training mit zwei oder mehr Kriterien ist einfach: Wenn wir eine Ausführung nicht clicken (weil eine der Kriterien verletzt war, z.B. ist die Katze zu schnell wieder aus dem Männchen runtergegangen), weiß die Katze nicht, welche der beiden Kriterien nun verletzt wurde. Aus ihrer Sicht könnte das Männchen genauso gut auch zu niedrig gewesen sein.
  3. Wenn ein neues Kriterium eingeführt wird, werden die alten Kriterien vorübergehend gelockert – Dies gilt vor allem, wenn wir bei einem bestehenden Trick einen neuen Aspekt einführen wollen. Wenn wir zum Beispiel zu einem bestehenden Trick ein verbales Signal einführen wollen, achten wir beim Training des neuen Signals vorerst nicht so sehr auf die korrekte Ausführung des eigentlichen Tricks. Dem geneigten Lesen wird auffallen, dass diese Regel eigentlich nur ein spezieller Fall der vorherigen Regel ist: Wenn wir ein verbales Signal trainieren, trainieren wir das Signal und nicht zeitgleich auch eine verbesserte Ausführung des eigentlichen Tricks.
  4. Plane gut im Voraus – Versucht immer, so gut wie möglich vorbereitet zu sein, gerade wenn ihr einen neuen Trick trainieren wollt. Welche Zwischenschritte könnte die Katze anbieten? In welchen Schritten wollt ihr die Anforderungen erhöhen? Was macht ihr, wenn eure Trainingsidee nicht aufgeht? Habt ihr dann eine Alternative parat? Und im Gegenteil – was macht ihr, wenn die Katze schnellere Fortschritte zeigt als erwartet? Seit ihr auch für diesen Fall gerüstet, wisst ihr schon wie das Training dann weitergehen sollte? Das heißt jetzt nicht unbedingt, dass ihr aus jeder einzelnen Trainingseinheit mit euren Miezen eine Wissenschaft machen müsst, aber ein bisschen Vorausplanung ist schon angebracht. Schliesslich geht es im Training öfters ein wenig chaotisch zu – da ist es essentiell, die wichtigsten Eventualitäten schon zuvor durchgedacht zu haben.
  5. Nur ein Trainer für einen Trick, so lange der Trick noch nicht fertig trainiert ist – Diese Regel ist natürlich nur relevant für euch, wenn bei euch (so wie bei uns) mehrere Trainer mit den selben Katzen arbeiten. Dann solltet ihr euch eisern daran halten, dass während ein Trick noch nicht sitzt, immer nur der selbe Trainer an diesem Trick arbeitet. Wenn der Trick dann mal fertig trainiert ist, kann ihn natürlich auch ein anderer Trainer abrufen. Der Grund für diese Regel ist einfach – auch wenn wir uns bemühen, die selben Anforderungen und Zeichen zu verwenden, so trainiert trotzdem jeder von uns ein wenig anders. Für uns sind diese Unterschiede zwischen den Trainern oft kaum erkennbar, aber die Katze in der Trainingsphase, kann manchmal schon eine andere Körperhaltung während des Trainings verwirren.
  6. Wenn eure Trainingsidee nicht funktioniert, probiert etwas anderes – Eigentlich eine sehr einfache Regel, die man trotzdem überraschend oft vergisst. Wenn ihr euch einen Plan zurecht gelegt habt, wie ihr einen bestimmten Trick trainieren wollt und ihr macht keine Fortschritte, dann überlegt euch einen neuen Plan. Im Katzentraining gibt es keine Trophäe dafür, einen Trick auf besonders umständliche Weise trainiert zu haben :).
  7. Beendet keine Trainingseinheit überraschend – Leider kommt das immer wieder vor – ihr seit am shapen und plötzlich läutet das Telefon. Ihr springt auf und verlasst den Raum. Eure Katze versteht die Welt nicht mehr. Was hat sie falsch gemacht, dass ihr das Training so abrupt abgebrochen habt? Versucht solche Situationen im Training, wann immer möglich, zu vermeiden. Auch wenn euch klar ist, dass das Trainingsende nichts mit der Katze zu tun hat, sie weiß das nicht – für die Katze wird ein überraschender Abbruch immer wie eine Strafe wirken.
  8. Wenn ein Verhalten plötzlich einbricht, gehe einige Schritte zurück – Es wird immer wieder vorkommen, dass ihr Rückschritte im Training erleidet, so dass zum Beispiel Tricks, von denen ihr dachtet, dass sie schon fertig trainiert sind, plötzlich nicht mehr funktionieren. In diesem Fall geht ihr einige Schritte im Training zurück und baut den Trick wieder neu auf. Keine Sorge, ihr müsst ganz sicher nicht wieder bei 0 anfangen. Typischerweise erinnert sich die Katze nach 1 bis 2 Wiederholungen schnell wieder und der Trick funktioniert wieder wie vor dem kleinen Rückfall.
  9. Beende die Trainingseinheit rechtzeitig – Versucht immer mit dem Training aufzuhören, bevor die Katze keine Lust mehr hat oder die Konzentration verliert. Wie lange das dauert, kann man nicht allgemein sagen, aber nach einigen Trainingseinheiten solltet ihr eure Katze gut genug kennen, um die ersten Anzeichen von Müdigkeit oder Lustlosigkeit zu erkennen. Spätestens dann ist dringend Zeit zum aufhören!

Einige abschliessende Worte

Die meisten der oben beschriebenen Regeln sind auf einige wirklich einfache Axiome zurückzuführen. Wir versuchen immer, es der Katze so leicht wie möglich zu machen und wollen mit ihr so klar wie möglich kommunizieren, um ihr zu verstehen zu geben, was wir gerne möchten. Außerdem gibt die Katze die Trainingsgeschwindigkeit vor. Wenn wir diese Punkte im Kopf behalten, kann beim Training eigentlich nicht mehr viel schiefgehen.

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Trainingstheorie: Wie man unerwünschtes Verhalten abtrainieren (könnte)

In diesem Artikel werden wir etwas Abstand vom (reinen) Clickertraining gewinnen und einen kleinen Ausflug in die Erziehung von Katzen ganz Allgemein machen. Genauer gesagt, wollen wir an dieser Stelle die acht prinzipiellen Arten vorstellen, wie wir mit unerwünschtem Verhalten bei unseren Mietzen umgehen können. Der folgende Artikel ist stark angelehnt an einen (englischsprachigen) Artikel von Karen Pryor, welcher wiederum auf Karen’s ausgezeichnetem Buch „Positiv bestärken – sanft erziehen: Die verblüffende Methode, nicht nur für Hunde“ (Originaltitel: „Don’t Shoot the Dog! The New Art of Teaching and Training“) basiert. Mehr Details zu den folgenden Themen findet ihr in eben diesen Originalquellen.

Egal um welches unerwünschte Verhalten es geht, wir haben im Prinzip acht grobe Kategorien von Methoden, wie wir mit dem unerwünschten Verhalten umgehen können. Da Karen Pryor eine starke Proponentin von positiven Trainingsmethoden ist, hat sie die Liste in 4 gute und 4 böse Feen eingeteilt :D. Es sei dem Leser überlassen, zu überlegen, was die guten und was die bösen Feen dabei sind.

‚Shoot The Cat‘

In diese Kategorie fällt (neben dem Abgeben der Katze) auch alles, was dem Tier die grundsätzliche Möglichkeit nimmt, das unerwünschte Verhalten zu zeigen. Wenn z.B. die Katze auf den Tisch springt, um von euren Steaks zu naschen und ihr sperrt sie daher während dem Essen aus dem Zimmer, fällt das auch in diese Kategorie.
  • Vorteil: Funktioniert immer, garantiert.
  • Nachteil: Die Katze lernt in Wahrheit nichts. Wenn ihr die Katze ein Jahr lang konsequent beim Essen aussperrt und danach wieder reinlässt, habt ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort wieder das alte Problem. Hier findet also kein Lernprozess im eigentlichen Sinn statt, sondern nur Symptombekämpfung.

Bestrafen

Für Viele (leider) immer noch die Erziehungsmethode schlechthin, obwohl sie nachgewiesenerweise selten funktioniert (dazu sind Verhalten und Strafe meistens einfach zu sehr entkoppelt). Im Allgemeinen ist der einzige Effekt von Strafen, dass sich der Bestrafer danach besser (sprich weniger ohnmächtig) fühlt.
  • Vorteil: Eigentlich keine die wir sehen würden.
  • Nachteil: Bestrafen, so dass es etwas bringt, ist richtig schwierig. Falsch bestrafen ist einfach, zerstört aber sehr, sehr leicht die Beziehung zur Katze.

Negative Verstärkung

Diese Methode wirkt auf den ersten Blick für viele ähnlich wie bestrafen, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Bei negativer Verstärkung gibt es zuerst einen negativen Reiz, der entfernt wird, sobald das Tier das gewünschte Verhalten zeigt bzw. wenn es aufhört, das unerwünschte Verhalten zu zeigen. Würgehalsbänder für Hunde funktionieren nach diesem Prinzip. Im Gegensatz zur Bestrafung hat das Tier hier tatsächlich einen Anreiz, sein Verhalten zu ändern. Sonderlich nett ist die Methode aber natürlich trotzdem nicht.
  • Vorteil: Funktioniert im Gegensatz zur Bestrafung wirklich, zumindest wenn die Technik richtig verwendet wird. Pferde werden seit Jahrhunderten so trainiert und geritten (auch wenn in diesem Bereich in letzter Zeit des öfteren der Clicker und positive Trainingsmethoden zum Einsatz kommen).
  • Nachteil: Auch hier kann falsche Anwendung die Beziehung zur Katze grundlegend zerstören. Ausserdem muss das Timing sehr gut sein, was die Trainingsmethode in der Katzenerziehung für die allermeisten typischen Probleme recht ungeeignet macht.

Löschen

Das Verhalten auslöschen (lassen), entweder durch bewusstes Training oder weil das Verhalten von selbst aufhört. Die meisten Probleme mit Kitten hören z.B. von selbst auf, wenn sie älter werden.
  • Vorteil: Bei vielen altersbedingten Problemen ist Aussitzen die beste und einfachste Möglichkeit für alle Beteiligten, vor allem kombiniert mit der ersten Methode (alles wegräumen, dann kann das Kitten nichts kaputt machen und irgendwann wächst es aus der schwierigen Kitten-Phase ohnehin raus). Mit dem Clicker kann man das Löschen mancher Verhalten beschleunigen.
  • Nachteil: Natürlich verschwinden nicht alle problematischen Verhalten von selbst. Dann kann man zwar immer noch bewusst das Löschen trainieren, was sich aber manchmal etwas schwierig gestaltet (vor allem, wenn das Verhalten selbstbestärkend ist).

Ein inkompatibles Verhalten trainieren

Wenn eine Katze trainiert ist, auf Signal auf einer Decke zu bleiben, kann sie nicht gleichzeitig ein Steak vom Tisch stehlen. Dieses alternative Verhalten kann man natürlich bestens mit dem Clicker trainieren.
  • Vorteil: Man findet für fast alle unerwünschten Verhaltensweisen ein inkompatibles Verhalten. Die Methode ist also ziemlich generisch.
  • Nachteil: Erstens muss man natürlich in der Lage sein, die Alternative zu trainieren. Zweitens muss das alternative Verhalten für die Katze mindestens ebenso belohnend sein, wie das unerwünschte Verhalten. Keine Katze bleibt eine halbe Stunde während dem Essen ruhig auf der Decke liegen und schaut beim Steakessen zu, wenn die Belohnung nicht auch angemessen ist.

Das unerwünschte Verhalten unter Signalkontrolle bringen

Hier wird das unerwünschte Verhalten explizit trainiert. Klingt komisch, ist aber so. Die grundsätzliche Idee ist bei dieser Methode, dass Katzen Verhalten, das sie im Rahmen des Clickertrainings auf Signal auszuführen lernen, meist nicht mehr ohne Signal zeigen (man nennt dies ‚das Verhalten unter Signalkontrolle bringen‘).
  • Vorteil: Ein gangbarer und positiver Weg, wenn man Erfahrung im Training hat.
  • Nachteil: Während des Trainings (also so lange das Verhalten noch nicht unter Signalkontrolle ist) verstärkt man damit das unerwünschte Verhalten sogar noch. Wenn man es nicht schafft, das Verhalten komplett unter Kontrolle zu bringen, wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit das Problem sogar noch verschlimmern.

Die Abwesenheit des unerwünschten Verhaltens positiv verstärken

Anstatt die Katze zu massregeln, wenn sie beim Essen auf den Tisch spring, wird belohnt, wenn sie untenbleibt. Wichtig hier ist, dass anfangs sehr viel und stark belohnt wird (schliesslich sollte die Katze keinen unmittelbaren Anreiz haben, sofort über die Steaks herzufallen – die Katze sollte also den Eindruck haben, dass sich Untenbleiben unmittelbar mehr auszahlt, als die Steaks zu erbeuten). Die Frequenz der Belohnung kann dann über die Zeit aber langsam zurückgefahren werden. Irgendeinen Anreiz sollte es aber dauerhaft geben, brav zu bleiben.
  • Vorteil: Funktioniert und ist sogar relativ einfach zu trainieren. Im Gegensatz zur negativen Verstärkung, gibt es auch kein Risiko, dass die Katze diese Art des Trainings übel nimmt.
  • Nachteil: Keine Besonderen, ausser dass man die Katze dauerhaft ein wenig belohnen muss. Das Training ist also kein Selbstläufer, das man einmal trainiert und dann nie wieder berücksichtigt.

Die Ursache des unerwünschten Verhaltens finden und eliminieren

Das ist quasi die Königsdisziplin der Verhaltensänderung. Hier ist das Ziel herauszufinden, warum die Katze das unerwünschte Verhalten zeigt, um im Anschluss die Motivation zu ändern. Warum ist die Katze so interessiert an den Steaks am Tisch? Hat sie starken Hunger? Vielleicht hilft es, die Katze zu füttern, bevor das eigene Mahl serviert wird.
  • Vorteil: Wenn man erst einmal herausgefunden hat, was ein Verhalten motiviert, ist es oft einfach, eine gute Lösung zu finden, aber …
  • Nachteil: … manchmal auch nicht. Oft weiss man genau, was die Katze motiviert, aber eine Lösung ist nicht zu finden, oder einfach nicht gangbar. Manchmal hat man auch schlicht keine Ahnung, was genau eine Katze zu bestimmten Taten treibt.

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