Trainingstheorie: Wie man unerwünschtes Verhalten abtrainieren (könnte)

In diesem Artikel werden wir etwas Abstand vom (reinen) Clickertraining gewinnen und einen kleinen Ausflug in die Erziehung von Katzen ganz Allgemein machen. Genauer gesagt, wollen wir an dieser Stelle die acht prinzipiellen Arten vorstellen, wie wir mit unerwünschtem Verhalten bei unseren Mietzen umgehen können. Der folgende Artikel ist stark angelehnt an einen (englischsprachigen) Artikel von Karen Pryor, welcher wiederum auf Karen’s ausgezeichnetem Buch „Positiv bestärken – sanft erziehen: Die verblüffende Methode, nicht nur für Hunde“ (Originaltitel: „Don’t Shoot the Dog! The New Art of Teaching and Training“) basiert. Mehr Details zu den folgenden Themen findet ihr in eben diesen Originalquellen.

Egal um welches unerwünschte Verhalten es geht, wir haben im Prinzip acht grobe Kategorien von Methoden, wie wir mit dem unerwünschten Verhalten umgehen können. Da Karen Pryor eine starke Proponentin von positiven Trainingsmethoden ist, hat sie die Liste in 4 gute und 4 böse Feen eingeteilt :D. Es sei dem Leser überlassen, zu überlegen, was die guten und was die bösen Feen dabei sind.

‚Shoot The Cat‘

In diese Kategorie fällt (neben dem Abgeben der Katze) auch alles, was dem Tier die grundsätzliche Möglichkeit nimmt, das unerwünschte Verhalten zu zeigen. Wenn z.B. die Katze auf den Tisch springt, um von euren Steaks zu naschen und ihr sperrt sie daher während dem Essen aus dem Zimmer, fällt das auch in diese Kategorie.
  • Vorteil: Funktioniert immer, garantiert.
  • Nachteil: Die Katze lernt in Wahrheit nichts. Wenn ihr die Katze ein Jahr lang konsequent beim Essen aussperrt und danach wieder reinlässt, habt ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort wieder das alte Problem. Hier findet also kein Lernprozess im eigentlichen Sinn statt, sondern nur Symptombekämpfung.

Bestrafen

Für Viele (leider) immer noch die Erziehungsmethode schlechthin, obwohl sie nachgewiesenerweise selten funktioniert (dazu sind Verhalten und Strafe meistens einfach zu sehr entkoppelt). Im Allgemeinen ist der einzige Effekt von Strafen, dass sich der Bestrafer danach besser (sprich weniger ohnmächtig) fühlt.
  • Vorteil: Eigentlich keine die wir sehen würden.
  • Nachteil: Bestrafen, so dass es etwas bringt, ist richtig schwierig. Falsch bestrafen ist einfach, zerstört aber sehr, sehr leicht die Beziehung zur Katze.

Negative Verstärkung

Diese Methode wirkt auf den ersten Blick für viele ähnlich wie bestrafen, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Bei negativer Verstärkung gibt es zuerst einen negativen Reiz, der entfernt wird, sobald das Tier das gewünschte Verhalten zeigt bzw. wenn es aufhört, das unerwünschte Verhalten zu zeigen. Würgehalsbänder für Hunde funktionieren nach diesem Prinzip. Im Gegensatz zur Bestrafung hat das Tier hier tatsächlich einen Anreiz, sein Verhalten zu ändern. Sonderlich nett ist die Methode aber natürlich trotzdem nicht.
  • Vorteil: Funktioniert im Gegensatz zur Bestrafung wirklich, zumindest wenn die Technik richtig verwendet wird. Pferde werden seit Jahrhunderten so trainiert und geritten (auch wenn in diesem Bereich in letzter Zeit des öfteren der Clicker und positive Trainingsmethoden zum Einsatz kommen).
  • Nachteil: Auch hier kann falsche Anwendung die Beziehung zur Katze grundlegend zerstören. Ausserdem muss das Timing sehr gut sein, was die Trainingsmethode in der Katzenerziehung für die allermeisten typischen Probleme recht ungeeignet macht.

Löschen

Das Verhalten auslöschen (lassen), entweder durch bewusstes Training oder weil das Verhalten von selbst aufhört. Die meisten Probleme mit Kitten hören z.B. von selbst auf, wenn sie älter werden.
  • Vorteil: Bei vielen altersbedingten Problemen ist Aussitzen die beste und einfachste Möglichkeit für alle Beteiligten, vor allem kombiniert mit der ersten Methode (alles wegräumen, dann kann das Kitten nichts kaputt machen und irgendwann wächst es aus der schwierigen Kitten-Phase ohnehin raus). Mit dem Clicker kann man das Löschen mancher Verhalten beschleunigen.
  • Nachteil: Natürlich verschwinden nicht alle problematischen Verhalten von selbst. Dann kann man zwar immer noch bewusst das Löschen trainieren, was sich aber manchmal etwas schwierig gestaltet (vor allem, wenn das Verhalten selbstbestärkend ist).

Ein inkompatibles Verhalten trainieren

Wenn eine Katze trainiert ist, auf Signal auf einer Decke zu bleiben, kann sie nicht gleichzeitig ein Steak vom Tisch stehlen. Dieses alternative Verhalten kann man natürlich bestens mit dem Clicker trainieren.
  • Vorteil: Man findet für fast alle unerwünschten Verhaltensweisen ein inkompatibles Verhalten. Die Methode ist also ziemlich generisch.
  • Nachteil: Erstens muss man natürlich in der Lage sein, die Alternative zu trainieren. Zweitens muss das alternative Verhalten für die Katze mindestens ebenso belohnend sein, wie das unerwünschte Verhalten. Keine Katze bleibt eine halbe Stunde während dem Essen ruhig auf der Decke liegen und schaut beim Steakessen zu, wenn die Belohnung nicht auch angemessen ist.

Das unerwünschte Verhalten unter Signalkontrolle bringen

Hier wird das unerwünschte Verhalten explizit trainiert. Klingt komisch, ist aber so. Die grundsätzliche Idee ist bei dieser Methode, dass Katzen Verhalten, das sie im Rahmen des Clickertrainings auf Signal auszuführen lernen, meist nicht mehr ohne Signal zeigen (man nennt dies ‚das Verhalten unter Signalkontrolle bringen‘).
  • Vorteil: Ein gangbarer und positiver Weg, wenn man Erfahrung im Training hat.
  • Nachteil: Während des Trainings (also so lange das Verhalten noch nicht unter Signalkontrolle ist) verstärkt man damit das unerwünschte Verhalten sogar noch. Wenn man es nicht schafft, das Verhalten komplett unter Kontrolle zu bringen, wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit das Problem sogar noch verschlimmern.

Die Abwesenheit des unerwünschten Verhaltens positiv verstärken

Anstatt die Katze zu massregeln, wenn sie beim Essen auf den Tisch spring, wird belohnt, wenn sie untenbleibt. Wichtig hier ist, dass anfangs sehr viel und stark belohnt wird (schliesslich sollte die Katze keinen unmittelbaren Anreiz haben, sofort über die Steaks herzufallen – die Katze sollte also den Eindruck haben, dass sich Untenbleiben unmittelbar mehr auszahlt, als die Steaks zu erbeuten). Die Frequenz der Belohnung kann dann über die Zeit aber langsam zurückgefahren werden. Irgendeinen Anreiz sollte es aber dauerhaft geben, brav zu bleiben.
  • Vorteil: Funktioniert und ist sogar relativ einfach zu trainieren. Im Gegensatz zur negativen Verstärkung, gibt es auch kein Risiko, dass die Katze diese Art des Trainings übel nimmt.
  • Nachteil: Keine Besonderen, ausser dass man die Katze dauerhaft ein wenig belohnen muss. Das Training ist also kein Selbstläufer, das man einmal trainiert und dann nie wieder berücksichtigt.

Die Ursache des unerwünschten Verhaltens finden und eliminieren

Das ist quasi die Königsdisziplin der Verhaltensänderung. Hier ist das Ziel herauszufinden, warum die Katze das unerwünschte Verhalten zeigt, um im Anschluss die Motivation zu ändern. Warum ist die Katze so interessiert an den Steaks am Tisch? Hat sie starken Hunger? Vielleicht hilft es, die Katze zu füttern, bevor das eigene Mahl serviert wird.
  • Vorteil: Wenn man erst einmal herausgefunden hat, was ein Verhalten motiviert, ist es oft einfach, eine gute Lösung zu finden, aber …
  • Nachteil: … manchmal auch nicht. Oft weiss man genau, was die Katze motiviert, aber eine Lösung ist nicht zu finden, oder einfach nicht gangbar. Manchmal hat man auch schlicht keine Ahnung, was genau eine Katze zu bestimmten Taten treibt.
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4 Kommentare

Eingeordnet unter Trainingstheorie

4 Antworten zu “Trainingstheorie: Wie man unerwünschtes Verhalten abtrainieren (könnte)

  1. Danke, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, das zu übersetzten… Darf ich das für meine Klienten verwenden?
    Und übrigens: Alles Gute für die Verteidigung Deiner Diss heute! Ich denk an Dich!
    LG, die Bina

  2. Hallo! Ich fand den Artikel sehr interessant. Wir haben gerade eine ganz liebe Kurzhaar-Katze bei uns aufgenommen, die ist anderthalb Jahre alt sehr verschmust und neugierig, war schon immer eine Hauskatze. Nur hat sie so ihre Angewohnheiten… Sie hängt gerne an den Vorhängen oder an der Couch und trinkt ihr Wasser lieber vom Boden als aus dem Napf, obwohl wir sogar einen Trinkbrunnen für sie geholt haben. Hast du Tipps mit welcher Methode ich ihr das abgewöhnen kann? Mein Freund greift immer zum Wassersprüher doch ich hab das Gefühl das bringt gar nix. Sie nimmt es uns nicht übel, kommt auch gleich wieder zum Kuscheln zu uns, doch ich erwisch sie immer wieder an den Gardinen, weswegen wir auf alle Fälle eine Kratztonne holen wollen denn den kleinen Kratzbaum ignoriert sie total. ich belohne sie aber immer wenn sie sich am Kratzbrett austobt. Was ist das eigentlich für eine Paste die im Video „Männchen trainieren“ benutzt wird?

    Liebe Grüße aus den Niederlanden,
    Tatjana

  3. René

    Hi Philipp und Julia,

    Vielen Dank für das Erstellen und Pflegen dieses Blogs. Ich finde ihn sehr toll.

    Ich möchte Euch beiden auch mein herzliches Beileid aussprechen für euren Verlust. Ich wünsche Euch dreien ganz viel Kraft für die Zeit, die vor euch liegt.

    Ich habe selber ein Anliegen und möchte fragen, ob meine Gedankengänge korrekt sind, was das Training mit meiner Katze angeht.

    Wir haben seit drei Wochen ein Kätzchen (7 Wochen alt) und ich habe vor 1 Woche mit dem Clickertraining begonnen. Weil Eddi sehr verspielt ist, werde ich das klassische Konditionierungstraining die zweite Woche auch noch durchführen.

    Ich habe wahrscheinlich beim Spielen anfangs den Fehler begangen, Kratzen und Beißen zu tolerieren, da es mir nicht weh tat und ich es auch ein wenig niedlich fand. Jetzt wird sie natürlich größer und damit werden die Kratzer und Beißer unangenehmer.

    Ich möchte das Verhalten gern per Clickertraining abstellen/reduzieren und möchte gern eure Meinung dazu wissen.

    Klassischerweise, habe ich gelesen, soll man sich der Katze für 10-15 Sekunden entziehen und nicht mehr mit ihr spielen. Das klappt nur bedingt, weil Eddi den „verspielten Gegnern“ (meine Hände und Füße) nachjagt.

    Ich habe zwei Ideen:

    1. Ich spiele mir ihr und clicker immer dann, wenn sie nicht (fest) beisst und die Krallen drin lässt. Wenn Sie es tut, muss ich mich zurückziehen.

    2. Ich zieh einen Handschuh an und halte ein Leckerli, was ich ihr zeige. Ich clicker nur dann und gebe ihr das Leckerli, wenn sie ohne Krallen und Zähne die Hand öffnen möchte, oder wenn sie den Kopf wegdreht, weil sie merkt, dass sie mit „Gewalt “ nicht weiterkommt.

    Was haltet ihr für erfolgversprechender ist habt ihr selbst eine andere Idee?

    Vielen Dank für eure Zeit und Mühe.

    Liebe Grüße,
    René

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